Lucia Kempkes

Pressetext M + R Fricke Berlin 2017

LUCIA KEMPKES   Parallax: Moräne
Ausstellung 9. Juni - 22. Juli 2017

Landschaft in einer digitalen Welt: Lucia Kempkes' ätherische Räume

In unserer heutigen Post-Internet Kultur verspricht Lucia Kempkes’ analoge Arbeitsweise einen ungewöhnlichen Zugang zum Digitalen und dessen visueller Sprache, insbesondere durch ihren Fokus auf die natürliche Welt. Obgleich ihre raumgreifenden Netzwerke aus vorsichtigen detaillierten Linien und immersiven organischen Formen aus der langen Geschichte der Zeichenkunst erwachsen und ihnen eine nicht zu leugnende physische Präsenz der akribischen Künstlerhand innewohnt, imitiert Kempkes das Digitale in der Form: schwebende, sich überlagernde Bilder, in ihrer Flächigkeit in den nicht greifbaren Raum entschwindend, unscharf wie eine angehaltene .MP4 Datei.

Wie ein vollgestopfter Desktop oder eine sorgsam orchestrierte Videoarbeit (man denke an Sondra Perry, Miao Ying, Nicole Miller) versetzt uns Kempkes in eine vertraute digitale Sprache; allerdings stellt sie diese Sprache infrage. Die “Informationen”, die wir von einer solchen Sprache erwarten, werden durch stille Landschaften und wellige, aufwendig in Graphit übertragene Muster ersetzt. Die Arbeiten distanzieren sich somit von einer eindeutig erkennbaren digitalen Ästhetik. Und doch ist es genau diese nuancierte, aber dennoch unverkennbare Beziehung zum Digitalen, die uns zur Reflexion anregt. Sie ermutigt uns, realen wie digitalen Raum und Landschaft, wie Kempkes sie denkt, zu reflektieren und neu zu denken.

Das Ergebnis von Kempkes’ Methode ist eine virtuose Atmosphäre voll Widerspruch und Spannung, zwischen Analogem und Digitalem, Computergeneriertem und Natürlichem, von der wir vollkommen eingehüllt werden. Die unablässige Wiederholung in ihren Parallax Stereogrammen ist kinematografisch – gleich einer Serie von Einzelbildern auf einer Filmrolle – und bezieht sich direkt auf ihre digitalen Videoarbeiten, die Landschaften wie durch das Fenster eines fahrenden Autos nachahmen. Obwohl die Stereogramme Zeichnungen im traditionellen Sinne sind, veranlassen sie uns zu hinterfragen, wie wir digitale Bildsprache wahrnehmen und wie sie erzeugt wird und werden kann.

Wie Kempkes’ Zeichnungen abstrahieren und verändern ihre Videos die natürliche Welt digital, machen sie nahezu unkenntlich und führen das Auge stattdessen in eine rhythmische Betrachtung. Unsere Erfahrung von Landschaft wird transformiert; sie wird neu, fremd, all ihrer zahllosen historischen und vertrauten Assoziationen beraubt. Beide Komponenten in Kempkes’ Arbeit, Zeichnung und Video, sind gleichermaßen dafür verantwortlich. Sie durchdringen und bedingen sich gegenseitig, um uns in diese imaginierten Umgebungen zu transportieren und uns in die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen digitaler und natürlicher Welt eintauchen zu lassen.

Die Serie o.T. Landschaft spielt ebenfalls mit unserer Wahrnehmung von Landschaft sowie dem Medium Zeichnung. Diese Arbeiten besitzen allerdings nur sehr wenige formale Eigenschaften von Landschaft, oder auch Zeichnung, wenn man so will. Wir sind im Wesentlichen auf den Titel der Serie angewiesen, um deren Sujet auszumachen. Wir begegnen glatten, monochromatischen Oberflächen, die zu strukturierten Topografien manipuliert wurden: das Papier ist gefaltet, zerknittert und verbogen, um Linien und Formen zu kreieren, Highlights und Schatten, Höhen und Tiefen. Es sind Zeichnungen insofern, als dass sie an der Wand hängen, verwandt sind sie jedoch eher der Bildhauerei – eine Absage an traditionelle Formate im Stile von Eva Hesses Hang Up, Jay DeFeos The Rose oder Rauschenbergs Combines.

Kempkes’ freistehende Zeichnungen und “Papierobjekte” sind vielleicht die radikalsten dieser Art. Sie modifizieren den realen Raum und nehmen, sobald installiert, den Galerieraum physisch ein, erschaffen einen immersiven Vorstellungsraum. Das Werk verlangt unsere Partizipation und fordert uns auf, unsere Beziehung zur natürlichen Welt sowie dem Kunstwerk zu erforschen. Kempkes’ unkonventionelle Installationen stellen auch die Frage nach den Einschränkungen des Galerieraums, danach wie Kunst ausgestellt wird und wie wir mit ihr im Galeriekontext interagieren.

Das Bemerkenswerteste an Kempkes’ Werkkomplex aber ist ihre Loyalität ihrem Medium gegenüber sowie ihre Deutung und Manipulation desselben. In Zeiten, in denen ein Großteil unseres alltäglichen Lebens durch computergenerierte, digital veränderte und maschinell erzeugte Bilder gesättigt ist, bietet uns eine visuelle Arbeit, die so explizit die körperliche Anstrengung durch Menschenhand erfordert – während sie stets die Beziehung zur digitalen Ästhetik und Praxis aufrechterhält – eine frische Linse, durch die wir unsere Umgebung, unser digitales Leben und, in Kempkes’ Werk, die natürliche Welt anders denken und erleben können. Kempkes’ deutliche Präsenz lädt uns überdies dazu ein, unser eigenes Verständnis von unseren Körpern im Raum zu befragen: Nach der Auseinandersetzung mit Kempkes’ Installationen kehren wir zur Welt um uns herum mit einer gesteigerten Wahrnehmung für ihr Potenzial und unsere Existenz in ihr zurück.

(Text: Genevieve Lipinsky de Orlov. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin lebt und arbeitet zwischen New York und Berlin.)

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte die Galerie M + R Fricke.

Press release M + R Fricke Berlin 2017

LUCIA KEMPKES   Parallax: Moräne
Exhibition: June 9 - July 22, 2017

Landscape in a Digital World: Lucia Kempkes' Ethereal Spaces

In our current Post-Tnternet cultural moment, Lucia Kempkes’ largely analog practice offers an unusual approach to the digital and its visual language, specifically through her focus on the natural world. Though her extensive networks of careful, detailed lines and immersive organic forms grow out of the long history of draughtsmanship and possess an undeniable physical presence of the artist’s painstaking hand, Kempkes imitates the digital in form: images overlaid, floating, their flatness receding into intangible space, blurred as though a paused .MP4 file.

Like a cluttered desktop or a carefully orchestrated computer video work (think Sondra Perry, Miao Ying, Nicole Miller) Kempkes situates us in a familiar digital language, but challenges that language. The “data” we expect from such language is replaced with muted landscape and undulating patterns rendered tediously in graphite. The work is, thereby, distanced from an explicitly recognizable digital aesthetic, yet its relationship to the digital, undeniable, albeit nuanced, is precisely what encourages us to reflect on and rethink space -both real and digital -and landscape as Kempkes imagines.

Kempkes’ approach results in a masterful environment of opposition and tension - between analog and digital, natural and computer generated - in which we become enveloped. The unrelenting repetition in her Parallax stereograms is cinematic, like a series of frames on a reel of film, but relates directly to her digital video work as well, mimicking landscape interrupted through the window of a moving car. While the stereograms are very much drawings in the traditional sense, they prompt us to question how we conceive of digital imagery and how it is, and can be, created.

Like Kempkes’ drawings, her videos abstract and digitally-alter the natural world, rendering it almost indistinguishable and guiding the eye, instead, on a rhythmic meditation. Our experience of landscape is transformed; it becomes new, foreign, stripped of its extensive historical and familiar associations. And both components of Kempkes’ practice, drawing and video, are responsible for this, they inform and require one another to transport us into these imagined environments and immerse us in inquiries into the relationship between the digital and natural worlds.

The o.T. Landschaft series, too, plays with our perception of landscape and the medium of drawing. These works, however, possess very few formal qualities of landscape, or drawing, for that matter. Initially, we rely largely on the series’ title to understand its subject. We encounter flat, monochromatic surfaces that have been manipulated into textured topographies: the paper is folded, crinkled and bent to create lines and forms, highlights and shadows, peaks and valleys. They are “drawings” insofar as they hang on the wall, but relate more closely to sculpture, a challenge of traditional formats in the vein of Eva Hesse’s Hang Up, Jay DeFeo’s The Rose or Rauschenberg’s Combines.

Kempkes’ freestanding drawing and “paper objects” are perhaps the most radical of this type. They alter real space and, when installed, they physically consume the gallery, successfully creating an immersive imagined environment. The work requires our participation and encourages us to examine our relationship to both the natural world and to artwork. Kempkes’ untraditional installations also pose questions about the limitations of the gallery space, how art is displayed and how we interact with it in a gallery context.

Most striking about Kempkes’ body of work, though, is her loyalty to her medium, and her interpretation and manipulation of that medium. When so much of our daily lives are saturated with computer-generated, digitally-altered and mechanically produced imagery, visual work that requires the physical labor of the human hand so explicitly - while maintaining a relationship to digital aesthetics and practices - offers a refreshing lens through which we can think differently about and experience anew our surroundings, our digital lives and, in Kempkes’ work, the natural world. Kempkes’ distinct presence further invites us to interrogate our own understanding of our bodies in space: when confronted with Kempkes’ environments, we return to the world around us with a heightened sense of its potential and our existence within it.

(Text: Genevieve Lipinsky de Orlov, the art historian and curator lives and works between New York and Berlin.)

For further information please contact the gallery M + R Fricke.

nach oben